Der Zeitgeist des heutigen Journalismus – und wie er sein sollte

Gleich dreimal brachten uns Ordner in orangefarbenen T-Shirts Stühle. Dreimal mussten wir erklären, dass wir keine Stühle benötigen, sondern dass wir eine Kunst-Performance veranstalten, und dafür das Zelt eine möglichst leere Bühne sein sollte. Die Helfer hatten Verständnis (und nahmen die Stühle wieder mit) und waren auch ansonsten sehr hilfsbereit, eine gewisse Irritation war aber nicht zu übersehen. Was machen die da? Kein Vortrag, kein Workshop, kein Panel oder Talk, sondern, ja was?

Unser Beitrag auf dem b°future Festival für Journalismus und konstruktiven Dialog lief unter der Rubrik „something else“. Eine künstlerische Forschungsaktion war offensichtlich etwas „Anderes“ und nicht das, was auf einer Veranstaltung, die sich mit der Zukunft des Journalismus und dem Dialog zwischen Medien und Gesellschaft beschäftigt, im ersten Moment erwartet wird. Wir haben bei unserer Aktion auch tatsächlich einiges herausgefunden. Die Analyse und unsere Erkenntnisse findet ihr weiter unten im Text.

Das diesjährige Festival, das es bereits seit 4 Jahren gibt und vom gemeinnützigen Bonn Institute veranstaltet wird, stand unter dem Motto „Lautstärke runter. Dialog hoch.“ Es ist eine Mischung aus Fachkonferenz für Medienschaffende mit Vorträgen, Diskussionen und Workshops und öffentlichem Stadtfestival, das sich ausdrücklich an die Bevölkerung richtet. Das Ziel der Festivals ist es, den Journalismus weiterzuentwickeln und stärker an den Menschen auszurichten als auch einen Raum zu bieten, der einen Dialog zwischen Medienschaffenden und Gesellschaft ermöglicht. Zu diesem Teil gehörte auch unsere Kunst-Aktion, die im „Zukunftszelt“, eines von etwa 20 Zelten auf dem zentralen Münsterplatz in Bonn stattfand.

Der Platz war mit Absicht gewählt. Er wird von Passanten beim Einkaufen überquert. Bei schönem Wetter sitzt man draußen vor einem Café. Die etwa 4 mal 4 Meter großen Zelte standen in der Mitte und waren zum Platz hin offen und luden dazu ein, kostenlos Vorträgen zuzuhören und mitzudiskutieren: über Medien, Journalismus und dessen Zukunft. Es wurde also ganz bewusst der Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern gesucht.

 

Wie wirkte sich eine solche Kunst- und Forschungsaktion aus?

Wir fragten uns, wer von den normalen Bonner Bürgerinnen und Bürgern, die zum Einkaufen über den Münsterplatz gingen, tatsächlich zu einem der Vorträge gegangen war und mitdiskutiert hatte – und bei wem damit der gewünschte Bürgerdialog tatsächlich zustande gekommen war. Manche warfen einen kurzen Blick in die Zelte, andere machten nebenan bei unserem Zeltnachbarn, der Bundeszentrale für politische Bildung, bei einem Wurfspiel mit, weil es dort etwas zu gewinnen gab.

Wir sind es gewohnt, für solche Aktionen aktiv Vorbeilaufende anzusprechen und sie davon zu überzeugen oder auch ein wenig dazu zu überreden, bei unseren meist ungewöhnlichen Aktionen mitzumachen. Gerade die ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren schwer zu gewinnen. War ein Durchgang aber erst einmal angefangen und agierten bereits einige Teilnehmende im Zelt, bildete sich davor schnell eine Gruppe von Zuschauenden, von denen sich manche dann relativ leicht hereinwinken und zum Mitmachen bewegen ließen. Dennoch war der Zeitraum um zehn Uhr morgens dafür etwas ungünstig.

Was haben wir genau gemacht?

 

Wir wollten erfahren, was für die Besucherinnen und Besucher „Medien heute“ und „Medien morgen“ bedeuten.

 

In einer mehrteiligen Performance sollten sie körperlich und gestisch zum Ausdruck bringen, wie der „Zeitgeist des heutigen Journalismus“ durch die Welt geht. Anschließend sollten die Teilnehmenden darstellen, wie dieser Zeitgeist mit brisanten Ereignissen umgeht – verkörpert durch eine am Boden liegende Puppe – und schließlich, wie er seine Botschaften in die Welt hinausträgt. Ein zweiter Akt spielte in einer wünschenswerten Zukunft. Übrigens irritierte diese Aufgabe niemanden sonderlich. Niemand hatte ein Problem damit, selbst zum Zeitgeist des Journalismus zu werden.

 

Am Ende der Performance sollten die Besucherinnen und Besucher noch die Essenz ihrer Erfahrung notieren: Wie erleben sie Journalismus heute, und was wünschen sie sich am meisten für den Journalismus der Zukunft?

 

Die Performance wiederholten wir einige Male. In den Pausen gab es noch eine weitere künstlerische Forschungsaktion (Phantomscribbling): Die Besucherinnen und Besucher sollten ihre inneren Bilder verschiedener Medien als Tiere imaginieren und diese Tiere in einer Landschaft agieren lassen. Ähnlich wie beim polizeilichen Phantomzeichnen wurden diese Vorstellungen anschließend von uns live in Zeichnungen umgesetzt.

 

Die Teilnehmenden wurden durch die etwa 10minütige Performance von einer KI-generierten Stimme angeleitet, die ihr hier nachhören könnt:

 

 

Was passiert mit den Menschen durch und nach einer solchen Performance? Was ist „anders“ als in üblichen Talk- und Diskussionsrunden? Anders war, dass wir ihnen einen inneren, nicht-sprachlichen Erlebnisraum öffneten und sie dazu anregten, körperlich und sinnlich über ihre eigene Wahrnehmung und ihr eigenes Erleben „nachzudenken“.

Was am Ende auf die Zettel geschrieben wurde und später die Grundlage unserer Auswertung bildete, waren deshalb weniger Argumente oder ausformulierte Meinungen. Es waren eher atmosphärische Ganz-Qualitäten: verdichtete Eindrücke davon, wie Journalismus insgesamt erlebt wird und wie dieses Erleben mit dem eigenen gesellschaftlichen In-der-Welt-Sein zusammenhängt.

Das erklärt sich vielleicht aus der Verbindung von Psychologie mit Konzeptkunst. Kunst irritiert und bricht gewohnte Wahrnehmungsweisen auf, sie bietet eine Bühne, das eigene Erleben zu ästhetisieren. Gerade die schöpferische Zerstörung des Gewohnten ist ein Wesenszug von Konzeptkunst. Dadurch kann sie atmosphärisches Erleben anregen und von oberflächlichen oder stereotypen Beschreibungen wegführen.

Atmosphäre ist psychologisch nicht einfach nur eine Stimmung. Sie ist eine der unmittelbarsten Formen des Erlebens. Eine Atmosphäre lässt sich nicht eindeutig der Außenwelt oder der eigenen gefühlten Innenwelt zuordnen und oft auch nur körperlich zu spüren. Sie markiert das gefühlte Verhältnis zur Welt. Was anschließend auf die Zettel geschrieben wurde, kam deshalb stärker aus diesem unmittelbaren Gefühlserleben heraus.

 

Dialog hoch – Lautstärke: ging so

Es ist auf dem Festival sicher gut gelungen,  in den gewünschten Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern zu kommen. Vielleicht haben wir es aber geschafft, mit unserem Angebot aus der Rubrik „something else“ jene Zielgruppen zu erreichen, die den anderen Angeboten eher skeptisch begegnet sind: Menschen, die sich nicht in einen Workshop gesetzt und dort mitdiskutiert hätten.

Jedenfalls haben wir es mit dem Dialog ernst gemeint, und das paradoxerweise, indem wir gerade (zumindest zunächst) nicht geredet haben. Den Menschen wurde eine Bühne geboten, auf denen sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen konnten, wie sie Medien und Journalismus wahrnehmen und was sie sich von ihnen wünschen. Dafür hat es mit dem anderen Teil des diesjährigen Mottos, der „Lautstärke runter“, nicht so gut geklappt. Zweimal wurden wir von Ordnern aufgefordert, leiser zu sein, weil wir die anderen Talk-Formate zu sehr stören.

Ein wenig fühlte sich unsere Aktion ohnehin wie ein Fremdkörper auf dem Event an – zwischen all den anderen sprach- und diskurslastigen Formaten. Sollten wir aber vielleicht gerade dadurch etwas erreicht haben, was man in der Journalismus-Blase zwar ausdrücklich beabsichtigt, aber vielleicht nicht vollständig zu Ende gedacht hat? Nämlich den Dialog mit zufällig vorbeilaufenden Menschen, mit ganz normalen Bürgerinnen und Bürgern: Auch solchen, die mit Diskussionsangeboten schwer erreichbar sind. Mit denen, die nur auf dem Weg zum Aldi sind oder sich die Zeit vertreiben, weil sie auf ihren Arzttermin warten, und damit auch mit denen, die schlicht nicht in der Verfassung sind, sich auf einer Metaebene mit dem Thema zu beschäftigen (vor allem an einem Wochentag vor einem Feiertag)?

Uns hat die Aktion auf jeden Fall noch einmal vor Augen geführt, wie ergiebig es ist, Menschen einen sinnlich-körperlichen und künstlerischen Erlebnisraum anzubieten und nicht nur oder ausschließlich mit ihnen zu sprechen. Das gilt nicht nur für Fragen des Journalismus. Es gilt immer dann, wenn Angebote, Produkte, Innovationen, Kommunikation oder Designs entwickelt werden sollen, die Menschen tatsächlich erreichen sollen. Das kennen wir nur zu gut von unserer Arbeit bei INNCH. Viel Spaß hat es außerdem gemacht, und einige Impulse für unsere Arbeit konnten wir auch mitnehmen (den Nachmittag hatten wir ja frei und da haben wir uns noch einige spannende Workshops gegönnt).

 

Die Ergebnisse

 

Das Ergebnis unserer (nicht-repräsentativen) künstlerischen Forschungsaktion ist natürlich nur ein Streiflicht und kann und darf nicht verallgemeinert werden. Dennoch hat es uns überrascht, wie eindeutig es ausgefallen ist:

 

Journalismus heute wird selbst als Teil einer überhitzten, überschnellen und destabilisierten Welt erlebt. Er fließt im aktuellen schnelllebigen und aufgeregten Zeitgeist mit und sucht selbst nach (neuer) Orientierung und Verlässlichkeit. Er setzt diesem Zeitgeist nicht ausreichend Klarheit, Einfachheit, Stabilisierung oder Einordnung von Komplexität entgegen. Wünsche an den Journalismus drehen sich um solche psychologischen Orientierungs-Funktionen, aber auch darum, aufzuzeigen, dass es überhaupt eine (positive) Zukunft gibt oder geben kann.

 

Die Ergebnisse im Einzelnen (die Zitate in Anführungsstrichen stammen aus den Niederschriften der Teilnehmenden der Performance): Heutiger Journalismus wird als Teil einer Art „Alarmwelt“ erlebt: „zu laut“, „zu schnell“, „schnelllebig“, „Aufregung“, „Druck“, „aufdringlich“, „dramatisch“, „reißerisch“. Medien gelingt es nicht, die Welt zu beruhigen oder zu sortieren, sondern sie sind selbst Teil dieser verunsicherten Welt, die permanent Aufmerksamkeit fordert, weil ständig etwas Dringliches, Gefährliches oder Empörendes passiert. Man wünscht sich von Medien, dass sie „sachlich“, „neutral“ und „leicht“ sind, dass sie „Zeit haben“, „Zeit für ausführliche Recherche“, „Zeit, die Geschichten angemessen zu erzählen“.

 

Medien bieten inflationär viele Informationen, aber wenig Orientierung: Sie sind „informationsgetrieben“ und liefern „Worte, die keine Bedeutung mehr haben“. Man möchte, dass sie wieder „realitätsnah“ und „menschennah“ sind, von „echten Menschen und Texten statt von einer KI“.

 

Medien verunsichern und machen es schwieriger, zu entscheiden, was wahr ist und was nicht. Genannt wurden „Fakes“, „Bubbles“, „Bilder, die verklärt werden“. Sie werden als „meinungsverstärkend“, und selbst „suchend“ und „verunsichert“ beschrieben. Man wünscht sich, dass sie „ehrlich“, „frei“ und „garantiert unabhängig“ sind und „Verantwortung übernehmen über das gesprochene Wort“.

 

Sie verstärken den gesellschaftlichen Konflikt: Sie sind „polarisierend“, „gewalttätig“, „feindlich“, „gesellschaftsspaltend“, und stacheln ein „Gegeneinander“ auf. Wünsche drehen sich darum, mehr „zuzuhören“ (die Hand am Ohr war eine der häufigsten Bewegungen in der Performance, neben dem Händeschütteln!). Dazu gehören auch „Achtung vor der Meinung des Anderen“, und „respektvoll“, „menschennah“ und manchmal auch „verzeihend“ zu sein.

 

Sie fokussieren (sicher zwangsläufig in der gegenwärtigen Weltlage) zu sehr auf bad news. Man wünscht sich aber auch nicht einfach „good news“, sondern eine andere Haltung: „Optimismus“, dass sie zeigen, was in Zukunft möglich sein könnte, „konstruktiv“ und „hoffend“.

 

Die Erkenntnisse passen im Übrigen auch gut zu dem, was wir in der Vergangenheit bereits mit psychologischen Methoden herausgefunden haben. Sie bereichern unsere Erkenntnisse aber auch noch, weil einiges wohl nur über den nicht-sprachlichen und gestaltenden Ansatz einer Performance zu erfahren ist. Für 3 Stunden an einem profanen Vormittag auf dem Bonner Münsterplatz ist das jedenfalls schon eine ganze Menge, finden wir.